
Ja, Raik konnte es wieder nicht lassen. Ich musste auf den Spuren von Autoren wandeln, die von früher bekannt sind.
In diesem Fall bin ich über Brigitte Blobels
Bis ins Koma gestolpert. Ich fand die Thematik des Komasaufens interessant. Das Phänomen hat in meiner Generation ihren Anfang genommen - ihr wisst schon, die klassischen Schul-Partys, auf denen mehr Alkohol floss, als irgendjemand kontrollieren konnte - und ist mittlerweile sicherlich ein großes Problem.
Ich habe mich gefragt, wie man ein solches Thema für Jugendliche aufarbeitet.
Die Antwort ist: Erschreckend.
Das Problem ist nicht die Geschichte des 15-jährigen Marvin, der allein mit seiner Mutter lebt und versucht, seinen Weg zu finden. Einen Weg zwischen der Scheidung seiner Eltern, zwischen der Loyalität gegenüber seiner Mutter und dem Hass gegen seinen Vater, zwischen dem Wunsch nach Geld und Anerkennung.
Er gerät in eine Seifenoper - und das meine ich wörtlich - und muss auf einmal als Erwachsener fungieren. Als Erwachsener, der Teil einer Fernsehproduktion ist, was ihn in der Summe an einen Punkt führt, an dem ihm mehr abverlangt wird, als er leisten kann.
Erste Liebe, familiäre Probleme, Vertrauensverluste erst beim Vater, dann bei der Mutter, Freunde, Status, Schule, Arbeit ...
Für Marvin ist es zu viel. Und wir werden Zeuge, wie er langsam abrutscht. Dieser Weg ist für mich gut und reell dargestellt. Gut für Jugendliche.
Was mich hingegen erschreckt, ist der Epilog.
Am Ende erfahren wir, dass Marvin sich der Straight Edge-Bewegung anschließt. Diese Gruppe wird als Lösung für seine Probleme dargestellt. Überhaupt fällt der Begriff Straight Edge schon vorher vermehrt. Und immer erfolgt die Darstellung einer Gruppe, die sich ausschließlich dem Verzicht auf Alkohol verschrieben hat.
Das ist falsch. Ich weiß nicht, warum Brigitte Blobel an der Stelle nicht deutlicher geworden ist. Aber sie vernachlässigt die Tatsache, dass es bei Straight Edge um etwas mehr geht als um den Verzicht auf Alkohol.
Fakt ist, dass Straight Edge je nach Gruppe und Auslegung nicht nur Alkohol ablehnt, sondern auch das Essen von Fleisch. den Konsum von Drogen jeder Art (auch Tabak) und Sex. In einigen Hardliner-Gruppen kann dies zu Formen führen, die für mich etwas Fanatisches haben.
Davon wird nichts erwähnt. Straight Edge wird dargestellt, als wäre es eine höchst vernünftige, unbedenkliche Vereinigung, die Jugendlichen klar macht, dass es nicht gut ist, sich ins Koma zu saufen.
Kleinigkeiten wie die Tatsache, dass es Straight-Edge-Unterbewegungen gibt, die Homosexualität ablehnen, wird freundlich unter den Tisch fallen gelassen.
Ich weiß also nicht, was mit Marvin geschieht.
Vielleicht gerät er an die Guten von Straight Edge. Vielleicht malt er sich ein Kreuz auf den Handrücken, schwört dem Alkohol und anderen Drogen ab, und das ist alles. Da er aber blind den Kontakt über das Internet gesucht hat, kann es genauso gut sein, dass er in einem Jahr kein Problem mit Alkohol mehr hat, aber dafür mit seiner eigenen Sexualität und mit Schwulen und Lesben.
Macht ja nichts. Hauptsache, er trinkt nicht mehr ...

Meine persönliche Meinung:
Nicht empfehlenswert für Jugendliche, deren Wertewelten sich noch allzu leicht formen lassen.
Zwei Ratten, weil die Komatrinken-Geschichte gut gemacht war.
Aber was nutzt das alles, wenn sich dahinter ein politisches Statement versteckt, das in die nächste Falle führen kann? Das ist, als würde man einem Kranken ein Medikament verschreiben und ihn nicht daran erinnern, dass er die Packung nicht auf einmal schlucken soll, weil das dann doch ungesund sein könnte.